17.11.2010

Die Adiletten-Revolte: Wie Facebook-Chef Zuckerberg an seinem Aufmerksamkeits-Imperium bastelt

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Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (26): "Wer die Aufmerksamkeit der Kunden besitzt, besitzt den Markt“

E-Mails sind immer noch die wichtigste Kommunikationsform. Das könnte sich ändern, wenn Mark Zuckerberg mit seinem neuen Social-Web-Projekt "Messages" Erfolg hat.

"Es geht nicht um E-Mail, denn E-Mail ist eine Einbahnstraße", so das Credo des prominentesten Adiletten-Trägers. Mails seien zu langsam, zu formell und zu archaisch. Zuckerberg will die E-Mail als eigenständige Kommunikationsform schlichtweg abschaffen – auch wenn er das noch nicht so deutlich sagt. Mit dem universellen Postfach soll alles unter einem Dach zusammenfließen: E-Mail, SMS, Instant Massaging, Facebook-Postings und Chat-Nachrichten. Wird den Nutzern eine Nachricht an ihre Facebook-Adresse geschickt, können sie entscheiden, über welchen der jeweiligen Kanäle sie antworten. Und wie eine abgeschickte Nachricht den Empfänger erreicht, entscheiden die verfügbare Technik und deren Voreinstellungen. Der Schreiber soll sich darüber keine Gedanken mehr machen müssen“, berichtet Zeit-Online.

Außerdem kann nun Facebook von jedem nach dem Muster "name@facebook.com" als Mailadresse genutzt werden. Das Durchsuchen der Nachrichten soll erleichtert werden. Zudem steht ein unbegrenzter Speicherplatz ohne Befristung zur Verfügung. Zuckerberg kündigte auch an, dass der Dienst Informationen aus dem sozialen Umfeld verwenden wird, um Nachrichten von engen Kontakten zu priorisieren und Spam auszusortieren. "Das klingt alles sehr nach Google und soll es auch. Beide Firmen konkurrieren mit ihren kostenlosen Angeboten um Kunden und Aufmerksamkeit, und beide Firmen nutzen als Vermarktungsvehikel die Informationen, die sie von ihren Nutzern bekommen", führt Zeit-Online aus.

Angriff auf Gmail

Die Plattform sei noch kein E-Mail-Killer. "E-Mail ist nur ein Teil dieses Nachrichtensystems", so Zuckerberg. Und auch Gmail wolle man nicht angreifen, sagte er und lobte den "guten Dienst". Was aber wohl mehr als Bestätigung zu verstehen ist, dass Facebook diesen Angriff tatsächlich plant. Bislang waren die Facebook-Nutzer auf andere E-Mail-Anbieter angewiesen, um das Netzwerk nutzen zu können. Nun können sie ihre Nachrichten auch lesen, ohne sich auf der Plattform einzuloggen.

Facebook könnte mit dem neuen Angebot schlagartig zum größten Maildienst im Netz werden. Die Nutzerzahlen des Mailsystems von Google werden auf 193 Millionen geschätzt, während Yahoo-Mail über 273 Millionen und Hotmail über 361,7 Millionen Nutzer verfügt. Wir wird die Geschäftswelt darauf reagieren? E-Mails immerhin können viel: Abwesenheitsnotizen, Filterregeln oder Weiterleitungen. Zudem schätzen zumindest die Unternehmen den formellen Charakter der E-Mail – im Gegensatz zu Mark Zuckerberg.

Auf dem Weg zum Aufmerksamkeits-Imperium

Und wo wird die Reise hingehen? Bereits jetzt verlassen viele Nutzer den Facebook-Mikrokosmos nicht mehr. Zuckerberg möchte ein Imperium der Aufmerksamkeitsverteilung schaffen. Der Blogger und Werbeberater Sascha Lobo spekulierte schon Anfang 2009 über den nächsten logischen Schritt von Facebook: Die Entwicklung eines echten eigenen Browsers, "der ganz nebenbei dazu führen würde, dass man die Community überhaupt nicht mehr verlässt", erklärte Lobo damals.

Aktuell sieht er Google und Facebook als Antipoden: "Google erobert das Internet technisch, also von außen - sie setzen immer neue Features auf und umzingeln damit den Nutzer. Facebook probiert das Gleiche von innen, will das Netz also sozial beherrschen. Der strategische Unterschied: Mit den Produkten von Google kommt man früher oder später auf andere Websites. Die Produkte von Facebook dringen in die Websites von innen ein - wie mit dem Like-Button - und führen hin zu Facebook. Damit es für die Seitenbetreiber attraktiv ist, Facebook in die eigene Seite einzubinden, müssen so viele Menschen wie möglich so oft wie möglich auf und in Facebook sein. So erklärt sich, warum Zuckerberg versucht, die Kommunikation insgesamt auf die eigenen Seiten zu bringen“, sagt Sascha Lobo. Für die logischen nächsten Schritte müsse man identifizieren, was die Nutzer machen, wenn sie nicht auf Facebook sind. "Diese Funktionen werden Schritt für Schritt integriert. Meine Vermutung: ein Bewertungssystem für buchstäblich alles, was im Netz ist – um gleichzeitig die Funktionen von Qype, Yelp und den vielen Bewertungscommunitys à la Holiday Check aufzusaugen“, so der Ausblick von Lobo.

Internet im Internet

Entscheidend an dem Facebook-Projekt sei nach Ansicht von Bitronic-Chairman Peter B. Záboji nicht die E-Mail-Killer-Funktion. "Zuckerberg möchte sich dauerhaft als Internet im Internet etablieren. Für die Wirtschaft ist das ein sehr attraktives Betätigungsfeld. Denn mit den persönlichen Empfehlungen der Nutzer über die Gefällt-mir-Funktion, mit den Fanseiten, der Einfachheit der Benutzerführung und den Netzwerkeffekten kann man auch mit kleinen Marketingbudgets eine Menge Aufmerksamkeit erreichen“, so Záboji. Und wer die Aufmerksamkeit der Kunden besitze, besitze den Markt, bestätigt Harald Henn von Marketing Resultant: "Facebook ist auf dem besten Weg, Marktführer der Aufmerksamkeit zu werden. Und die Unternehmen müssen radikal ihre Kommunikations-Strategie überdenken, wenn sie nicht von den Kunden entkoppelt werden wollen."

Alles nur ein Köder

Wem es gelinge, die immer stärker divergierenden Mediengewohnheiten der Menschen unter einen Hut zu bekommen, wird als Sieger vom Platz gehen, so die Einschätzung von Bernhard Steimel, Sprecher der Smart-Service-Initiative. "Ein Werkzeug, das mir die Koordination abnimmt, wen ich wann wie am besten erreichen kann, trifft sicher auf den Bedarf vieler Menschen, die sich von liebgewonnen Kommunikationsmedien nicht verabschieden wollen. Facebook-Messages muss jedoch als das betrachteten werden, was es ist: ein weiterer Köder, um die Nutzer noch tiefer in den 'geschlossenen‘ Facebook-Garten zu locken. Ich glaube nicht, dass dieser Ansatz langfristig von Erfolg gekrönt sein wird. Auch AOL ist es nicht gelungen, seine Nutzer in der Community zu verhaften. Dazu ist das Leben draußen im Internet einfach zu spannend“, resümiert Steimel.

Text: Gunnar Sohn

Bildquelle: © thomaspajot79 – Fotolia.com

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