16.03.2012

Ideenlos im Netz

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©Gunnar Sohn

Noch befindet sich die digitale Technik im Embryonenzustand, wie es Christoph Kappes ausdrĂŒckt, aber schon jetzt verspĂŒren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Eruptionen der neuen Netzwirklichkeit. In der Musikindustrie bleibt kein Stein auf dem anderen. Politische MachtkĂŒnstler ergeben sich den Shitstorms im Internet, Informationstechnologie wandert in die Computerwolke, Hardware-Produzenten erleben die Pulverisierung ihrer GeschĂ€ftsgrundlage und die klassische Telefonie verliert den Boden unter den FĂŒĂŸen, weil Skype und die verschriftete Kommunikation in sozialen Netzwerken die Oberhand gewinnen.

Ideenlos im Netz

„Vergleicht man den Lebenszyklus mit anderen Techniken, befinden wir uns in einem vermutlich noch sehr unausgereiften Stadium. Zehn Jahre nach Erfindung der Radiowellen gab es noch sogenannte ‘Knallfunkensender’, die ohrenbetĂ€ubenden LĂ€rm machten und nur wenige Kilometer Reichweite hatten. Der elektrische Strom kam erst in den 1930er Jahren in deutsche Haushalte, 60 Jahre nach der Erfindung des Dynamos durch Siemens und 250 Jahre nach der Entdeckung elektrischer Ladung. Die Automobilindustrie macht auch seit 1970 noch gewaltige Fortschritte bei der Sicherheit, sogar die Schifffahrt wird in den letzten 40 Jahren durch Containerschifffahrt enorm verbessert“, schreibt Kappes in seinem Papier fĂŒr  Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft”.

Platon und der kommunikative Kontrollverlust

Regelfreie und flĂŒssige Kommunikation in losen und netzartigen Strukturen, das unadressierte Senden, Folger-Strukturen, Mikrokommunikation und Instant-Kommunikationsakte wie GefĂ€llt  mir-Entscheidungen sind wichtige Stichworte, die die asynchrone Kommunikation des Netzes recht gut beschreiben. Man kann es auch in den Worten von Gerhard Wohland, Leiter des Instituts fĂŒr dynamikrobuste Höchstleistung http://www.comperdi.de/home.html , ausdrĂŒcken: Es breitet sich eine Kommunikation unter Abwesenden aus. „Das ist allerdings schon in der Antike so gewesen. Sokrates wetterte gegen die Schrift. Erst Platon hat aufgeschrieben, was Sokrates gesagt hat. Der hat den Braten gerochen. Wenn ich aufschreibe, was ich denke und was ich sage, dann kann sich jeder Hinz und Kunz darĂŒber her machen“, sagt Wohland. Man gibt etwas aus der Hand. Deshalb ist es auch so falsch, soziale Netzwerke als „Kanal“ zu bezeichnen. Das insinuiert Steuerbarkeit und Kontrolle, also das Kanalisieren von Kommunikation. Das findet aber nicht mehr statt: Gewissheiten, die irgendwelche Social Media-Schlaumeier tĂ€glich verkĂŒnden, sind schlichtweg unsinnig und leeres GeschwĂ€tz.

Digitale Infrastruktur entscheidet ĂŒber Sieg und Niederlage

Man wisse erst hinterher, wozu etwas gut sei, so der Organisationswissenschaftler Wohland. Das entbinde nicht von der Notwendigkeit, kreative Ideen fĂŒr die digitale Welt zu entwickeln. Vor einer Ă€hnlichen Situation stand Deutschland im 19. Jahrhundert. Es waren wenige geniale Persönlichkeiten, die das Wagnis der Telekommunikation eingegangen sind, ohne zu wissen, welche wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen die neuen Technologien haben. Es war der Staatsbeamte und Reichpostmeister Heinrich von Stephan, der den Bau eines unterirdischen Telegraphennetzes veranlasste nach den verheerenden StĂŒrmen im Jahr 1876. Mit einer Reichsanleihe wurde innerhalb von sechs Jahren die technisch beste und modernste Telegraphen-Anlage der Welt gebaut. Schon am 26. Juni 1881 konnte Kaiser Wilhelm die Fertigstellung eines Leitungsnetzes mit 37.373 Kilometern verkĂŒndet werden. Eine Ă€hnliche Meisterleistung vollbrachte Stephan bei der EinfĂŒhrung der Telefonie und des internationalen Postverkehrs mit Frachtdampferverbindungen. Nur mit diesen infrastrukturellen Weichenstellungen konnte sich die Industrialisierung entfalten.

Die digitale Infrastruktur wird ĂŒber Sieg und Niederlage einer vernetzten Ökonomie entscheiden. Das hat der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck deutlich zum Ausdruck gebracht. „Schnelle Internetverbindungen sind von riesiger Bedeutung fĂŒr die Wirtschaft, betont auch Kanzlerin Merkel immer wieder. Doch der Netzausbau lĂ€uft schleppend, vor allem in der Provinz. Jetzt gesteht die Bundesregierung: Sie wird ihre Breitbandziele wohl verfehlen”, schreibt Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker in einer vorzĂŒglichen Analyse.

Man definiert sich zudem den Breitband-Status schön. Ein Megabit pro Sekunde (Mbit/s) sei schon so etwas wie eine Breitbandverbindung. „Legt man diese Zahl zugrunde, sind nach einem neuen Expertenbericht zum Breitbandatlas des Wirtschaftsministeriums inzwischen 39,4 Millionen oder 98,7 Prozent der Haushalte mit einer Breitbandverbindung ausgestattet. Diese Ziel habe man 2011 ‘mit leichter VerspĂ€tung’ erreicht, heißt es jetzt aus dem Wirtschaftsministerium”, so Stöcker.

Dass man sich mit diesen willkĂŒrlichen Festlegungen selbst in die Tasche lĂŒgt, ist wohl auch der Bundesregierung bewusst. Und was macht der Wirtschaftsminister Rösler? Richtig. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, grĂŒnde ich einen Arbeitskreis oder im Politiker-Neusprech ausgedrĂŒckt, einen Breitbandgipfel. So entstehen aber keine Ideen und Visionen. Es mangelt der Beamten-Elite in den Ministerien vor allem an der Einsicht. Erst ab einer Downloadrate von 30 Megabit pro Sekunde könne man von Breitband sprechen, so der Booz-Berater Roman Friedrich. In deutschen Ministerien seien diese ZusammenhĂ€nge schlichtweg nicht bekannt: „Man ist stolz darauf, dass wir zwei Megabit haben. Was helfen uns zwei Megabit? Der Markt geht woandershin“, kritisiert Friedrich.

Keine Visionen fĂŒr Hightech-Kommunikation

Kein Heinrich von Stephan in Sicht. „Dieser Mann hatte Visionen. Die sehe ich bei den politischen Akteuren in Deutschland heute nicht. Es wĂ€re an der Zeit fĂŒr ein Bekenntnis, die fortschrittlichste, modernste und beste Infrastruktur fĂŒr Hightech-Kommunikation in unserem Land zu schaffen. Das ist eine nationale Aufgabe. Solange diese Einsicht fehlt, wird nicht viel passieren“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.Stattdessen beschĂ€ftigt sich das Bundeswirtschaftsministerium mit kleinkarierten Geheimrunden zur Betonierung des Urheberrechts im Internet. „Solange das Internet immer noch kriminalisiert wird, kann sich nichts Ă€ndern. Weil in den Köpfen derer, die Entscheidungen fĂ€llen noch nicht angekommen ist, was fĂŒr Chancen schnelles Internet bietet. Eine Stufe drunter sieht es schon anders aus. Mancher Nachwuchs-Politiker begreift das schnelle Internet auch als Chance“, meint der Journalist Heinrich Bruns.

Dueck spricht von der von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat mĂŒsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Zu einem solchen Schritt wĂŒrde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei fĂŒr die Wirtschaft und fĂŒr die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar. „Dieselben Leute, die die 60 Milliarden fĂŒr die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverstĂ€ndlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der fĂŒr Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf.“ Ein kompromissloser Ausbau des Internets hĂ€tte Ă€hnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

Ein großer Teil der Wertschöpfung wandere schon jetzt in die digitalisierte und vernetzte Ökonomie, erklĂ€rt Stahl. Da gehe schon vieles an Deutschland vorbei.

Text: Gunnar Sohn

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