07.08.2012

Wenn Manager in der Buchstabensuppe schwimmen – Über das Laber-Ritual der Unternehmen

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©gsohn

Düsseldorf – „Schluss mit dem Business-Kauderwelsch“, fordert Dan Pallotta in einem Blogpost für Harvard Business Manager. Phrasen, Abkürzungen und abstraktes Gerede seien an der Tagesordnung. Eine klare Sprache ist Mangelware. Statt die Sache auf den Begriff zu bringen, palavern Manager über die Sache hinweg. Erzeugt werden semantische Nebelschwaden ohne Substanz, ohne Inhalt, ohne Wirkung. Wortschwulst, Floskeln und Leerformeln dienen eher einem Ritual, um Dinge aufzublasen und wichtig zu machen. In Wahrheit verbergen sich hinter den Laber-Orgien heiße Luft und dümmliche Kalenderweisheiten.

So ärgert sich nicht nur Pallotta über die sinnflutartigen Wortmüll, der uns täglich an den Kopf geballert wird. Etwa folgende Aussage: „Wir übertreffen die Erwartungen unserer Kunden.“

Hellseherischer Werbe-Brei

Kunden erleben aber so gut wie nie, dass ihre Erwartungen erfüllt werden. Noch seltener werden sie übertroffen. „Wie kann ein Unternehmen Erwartungen übertreffen, wenn es keine Ahnung hat, wie diese aussehen“, fragt sich Pallotta. So etwas ist anmaßend. Man benötigt schon hellseherische Fähigkeiten um zu wissen, was jeder Einzelne von einem Service-Anbieter erwartet. Unternehmen sollten also aufhören, die Umwelt mit aufgeblähten Werbesprüchlein zu verschmutzen.

„Wir haben vergessen, die Dinge beim Namen zu nennen. Wie zum Beispiel Türklinken. Stattdessen sprechen Leute über die Idee von Türklinken, ohne tatsächlich das Wort Türklinke zu benutzen. So wird eine neue Idee für eine Türklinke zu einer ‚Innovation zum Wohnsitz-bezogenen Zugang’“, moniert Palotta.

Sinnentleerter Mehrwert für Kunden

Auch die Kombination von sinnentleerten Substantiven zählt zum Volkssport von Führungskräften der Wirtschaft: Nehmen wir „Synergie“, „Mehrwert“ und „Nachhaltigkeit“. Im Technokraten-Jargon kann man dann lustig losfaseln, ohne sich festnageln zu lassen: „Ich bin dabei, solche Synergien auf den Weg zu bringen, die in den Arbeitsabläufen der Mitarbeiter einen echten Mehrwert bringen, Potenziale aktivieren und die Nachhaltigkeit stärken.“

„Prozesse“ dürfen in dieser Buchstabensuppe nicht fehlen: „Durch Bündelung ihrer Kompetenzen können automatisierte Geschäftsprozesse bei den Kunden noch effizienter und effektiver eingeführt werden”. Zudem sind wir alle gut aufgestellt, besitzen ein weltweit führendes und fundiertes Portal-Know-how, schaffen neue Erlebniswelten für Kunden, arbeiten emsig an Solutions für das Ideen- und Innovationsmanagement, sorgen für einen zügigen Return on Investment, verschaffen den Marsmenschen einen unschlagbaren JU-ES-PI (USP) und unterdrücken unseren Brechreiz bei diesem unsäglichen Gefasel.

Club der Phrasenschweine

Egal, ob man das nun in Form von Presseinfos, Interviews oder Vorträgen mit nervigen Powerpoint-Folien und den berüchtigten Bullet Points serviert bekommt, es gibt wohl eine geheime Manager-Sekte, die sich im „Club der Phrasenschweine” organisiert.

„Die Reden und Kommentare von Wirtschaftsführern, Geschäftsberichte und Pressemitteilungen stehen allzu häufig mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß. Die Folge ist, dass man wirtschaftliche Zusammenhänge der Öffentlichkeit schon deshalb nicht erklären kann, weil es an der Sprachkompetenz mangelt, das heißt, an der Fähigkeit, Sachverhalte unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades in schlichten Worten auszudrücken“, kritisiert der Publizist Erhard Glogowski.

Statt ständig zu kommunizieren, wie innovativ doch das neue Produkt sei, sollten Firmen lieber so konkret wie möglich erklären, worin die Innovation besteht. Bei IT-Unternehmen wimmelt es von „prokativen“ Bekundungen wie „Kundenorientierung“, „kompetente Teams“, „innovative, ganzheitliche und maßgeschneiderte Lösungen“, oder „anwenderorientierte Applikationen“.

Als Kunde kenne ich für den sprachlichen Leerlauf der Manager nur eine Strafe: Nichtbeachtung.

Text: Gunnar Sohn

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